Bora

Outside mit... Willi Bruckbauer

14. Oktober 2021, 11:07
Willi Bruckbauer mit Metzger Schneebichler

„Outside mit ...“ – so heißt unsere neue Serie, die wir im INSIDE Spezial Küche gestartet haben. Wir werden in Zukunft öfter   mit   den   Machern   im   Möbel-   und   Küchenmarkt   für   andere   Geschichten zusammenkommen.   Persönliche   Porträts   sollen   entstehen,   in   einem   etwas   anderen Umfeld. Zum Auftakt war INSIDE-Chefredakteur Simon Feldmer mit Bora-Gründer Willi Bruckbauer mit dem Rennrad zwischen Raubling, Chiemsee und Eggstätter Seenplatte unterwegs – knapp 70 Kilometer durchs bayerische Hügelland in der Juliabendsonne, mit einem 33er Schnitt, einem Foto-Reporter-Job im Nacken und einigen Fragen.

„Ich bin gleich so weit“, sagt Willi Bruckbauer. Es ist Punkt 17 Uhr, an einem Donnerstag Ende Juli. Wir treffen uns vor   der  Bora-Zentrale   in   Raubling.   Auf   dem   Parkplatz.   Der   Outsider   hat   sich   schon   umgezogen   –   und   ist ausnahmsweise ins Bora-Hansgrohe-Trikot geschlüpft. Kleiner Gag an diesem Abend. Vielleicht setzt das Trikot, mit dem die Profis von Bruckbauers  Rennstall auf dem Giro, auf der  Vuelta  oder  der Tour de France in die Pedale treten, ja zusätzliche Kräfte frei. Bruckbauer winkt und geht in Jeans und T-Shirt ins Bora-Parkhaus. Und kommt fünf Minuten später auf dem Rennrad zurück. „Sagen wir Du, oder?“, sagt Bruckbauer. „Wir duzen uns alle hier in der Firma.“ Man möchte ergänzen: Bruckbauer ist schnell beim Du. Bayerisch direkt. Das Du hat hier auch erstmal nichts mit besonderer oder freundschaftlicher Nähe zu tun. Das Bruckbauer-Du ist einfach praktischer, direkter, schneller. Mit einem förmlichen „Sie“ radelt es sich auch schlecht. Auf geht’s. Bruckbauer  und  Feldmer –  das  ist  zumindest  auf dem  Papier  in  diesem  Jahr so  ungefähr  eine Radl-Liga.  Beide stehen Ende Juli bei über 5.000 gefahrenen Kilometern in 2021. Das ist aber auch schon alles an Gemeinsamkeiten auf dem Rennrad.___STEADY_PAYWALL___

Der Radl-Reporter verzichtet an dieser Stelle auf die Aufzählung seiner bescheidenen sportlichen Triumphe   in   seinem   Leben.   Ist   eher   so   der   Typ   ambitionierter   Hobbysportler   ohne   Megatalent   in   genau   einer Disziplin. Aber Spaß macht‘s. Seit ein paar Jahren auch das Rennradfahren. Bruckbauer radelt in einer anderen Liga. Eigentlich muss der Satz hier gar nicht hingeschrieben werden. Denn der Hauptsponsor des Radrennstalls Bora-Hansgrohe könnte auch mit Mitte 50 fast selbst in seinem Team mitfahren. Beim Training ist er manchmal dabei. Und groß warten muss auf ihn dann auch keiner. Das war für den Outsider zumindest dann auch die Herausforderung an diesem Abend. Unbedingt vermeiden, dass Bruckbauer auf dem Radl sich langweilt. Es gibt ja kaum Nervigeres, als Leute, die mit einem Sport machen wollen und einen nur aufhalten – zum Beispiel beim Tennis keinen Ball treffen oder im Urlaub unbedingt Volleyball spielen wollen, aber am Ende immer   einen   Knoten   in   den   Armen   haben.   Nein.   Zumindest   offensichtlich   langweilen   darf   Bruckbauer   sich   an diesem Abend nicht. Wir starten. Die gemeinsame Rennrad-Ausfahrt war dann, das muss man so sagen, auch nicht als Wettrennen angelegt. Wir wollten ja auch quatschen. Und der Outsider wollte auch bisschen genießen. So oft fährt man auch nicht mit einem Sportkameraden Rennrad, der eigentlich selbst mal Radprofi war, der früher 130 Renntage im Jahr gefahren ist, der seinen Aufnahmeantrag im Bund Deutscher Radfahrer gestellt hatte, der dann bei einer Rundfahrt auf Sizilien zum zweiten Mal im eigentlich entscheidenden Jahr seiner Rennfahrer-Karriere schwer gestürzt ist – und seinen Traum Radprofi mit 26 Jahren aufgeben musste. Küchenpsychologisch betrachtet kann man es vielleicht so am besten sagen: Radprofi war der große Traum des Raublinger  Schreiner-Sohns Willi Bruckbauer.  Er war knapp  davor.  War ein Sprinter  vor  dem  Herrn. Mit seinem Ehrgeiz musste der Chiemgauer irgendwohin. Und er erfand Bora.

 

 

Bora 1

Bora 4

Bruckbauer pflügte ein wichtiges Segment in einem von vielen kleinen Spezialisten  und großen Megakonzernen geprägten Küchen- und Hausgeräte-Markt im vergangenen Jahrzehnt wahrscheinlich auch nur deshalb so um, weil Bruckbauer  sich mit Mitte 20 von seinem ersten  großen Lebenstraum verabschieden  musste. Ja, er musste mit seinem Ehrgeiz irgendwohin. Und er war erfinderisch. Lebensmotto:  Nur weil die anderen sagen, es geht nicht, geht es noch lange nicht nicht. Und wenn man mit Bruckbauer Rad fährt und sieht, mit welcher Energie er in die Pedale tritt, dann versteht man auch, dass der zweite Lebenstraum eigentlich auch nicht scheitern konnte.

Wir bleiben kurz stehen. Nur fünf Kilometer vom Bora-Sitz in Raubling befindet sich die Versorgungs- und Logistik- Zentrale des Teams Bora Hansgrohe. Bruckbauer  hat keinen Schlüssel  für die Halle dabei. Aber man kann sich vorstellen, wie viele Paletten mit Energieriegeln, Trinkflaschen, Ersatzteilen hier drinliegen. „Unfassbare Mengen“, sagt Bruckbauer vor der Halle: Teambusse, Bullis, Begleitfahrzeuge. Es gehört einiges dazu, um ein Spitzenteam auf die Straße zu schicken. Das Bora-Team fährt im Jahr mehr Rennen, als das Jahr Tage hat. An manchen Tagen fährt Team A in Italien, Team B in Osteuropa – und der Rest der Profiradler, die unter Vertrag sind, trainiert. Während wir Richtung Samerberg fahren, erzählt Bruckbauer vom schweren Unfall, den viele Teammitglieder im Frühjahr am Gardasee hatten. Eine Autofahrerin fuhr direkt in die Trainingsgruppe. Bruckbauer war dabei, hatte Glück. Weniger Glück hatte zum Beispiel Anton Palzer, einer der Bora-Fahrer, die den mitradelnden Outsider immer schwer beeindrucken. Ein Typ, den es nicht zwei Mal gibt. Palzer war als Skibergsteiger und Trailrunner einer der weltweit Besten, hat so ungefähr alle Berge von Kampenwand bis Wendelstein in Rekordzeit bestiegen, umrundet – und   ist   sie   vielleicht   auch   noch   rückwärts   raufgelaufen.   So   genau   weiß   das   keiner.   Ein   Ausdauerwahnsinniger. Dann hatte Palzer, Jahrgang 1993, gebürtig in Berchtesgaden, einfach mal das Rennrad ausprobiert. Und sorgte schnell für Schlagzeilen. Seine Schwellenleistung liegt bei 370 Watt. Normalerweise treten fitte Rennradfahrer so mit 100 Watt in die Pedale. Bruckbauer erzählt vom noch neuen Teammitglied mit Respekt. Den Anruf des Bora-Teamchefs hatte Palzer einst erst gar nicht beachtet. Dann hat es doch noch geklappt. Bruckbauer muss bei der Geschichte lachen. Und Palzer war auf der Vuelta in diesem Sommer dann auch wieder dabei. Bruckbauer, das spürt man, liebt Sportler wie Palzer. Er ist selbst ein bisschen so einer. Gnadenlos zum Gegner, gnadenlos zu sich selbst.

Rund 10.000 Kilometer fährt Bruckbauer im Jahr noch heute Rennrad. Einmal unter der Woche, zwei lange Touren am Wochenende. Mehr passt nicht in den Kalender. Ist aber ja auch ein bisschen was. Bei Bruckbauer hat man das Gefühl, dass er sich fast entschuldigt, dass er nicht mehr Kilometer im Jahr zusammenbekommt. Andere Liga eben. Drei   Kinder  hat  Bruckbauer  auch  noch.  Die Älteste  ist 26   Jahre alt.  Der  Bora-Gründer  will  keines  seiner  Kinder drängen,  sagt  er. Für ihn steht  aber  fest:  „Bora soll, wenn es  irgendwie geht,  immer ein Familienunternehmen bleiben.“   Und   irgendwie   hofft   er   schon,   dass   eines   der   Kinder   die   Firma   mal   weitermacht.   Verkaufen   muss Bruckbauer   nicht.   Geld   verdient   hat   er   genug.   Und   man   hat   bei   ihm   auch   nicht   das   Gefühl,   dass   er   Bora irgendwann mal gegründet hat, um richtig viel zu verdienen. Er wollte was reißen. Wir  sind   mittlerweile  einige  Kilometer   am  Chiemsee entlanggefahren,   auf  kleinen  Landstraßen,   auf  Radlwegen. Rauf und runter. Nie große Steigungen, aber eben viele kleine.

Bruckbauer ist immer mit Druck am Treten, fährt auch in engen Passagen hohes Risiko. Ob er irgendwann mal das Gefühl hatte, die ganze Expansion, der rasante Bora-Weg,   der   Bruckbauer   und   sein   Team   immer   wieder   riskante   und   teure   Entscheidungen   treffen   ließ,   zum Beispiel das Investment in den neuen Backofen, das alles könnte ihn persönlich mal überfordern? Oder die Firma auch finanziell? Die X-Bo-Entwicklung kostet Bora alleine so viel wie der Bau einer neuen Firmenzentrale. So richtig viel mag der Bora-Chef dazu nicht sagen. „Wir haben alles im Griff“, sagt er. Ganz am Anfang hätte es ein paar kritische Momente gegeben, sagt er dann noch. In den vergangenen Jahren offenbar dann nicht mehr. Auch wenn Miele, Siemens, Bosch mit ihrer Offensive im Muldenlüfter-Markt, die im zweiten Anlauf so eingeschlagen hat, Bora sicher   weh   tun.   Bruckbauer   widerspricht   vehement,   wenn   man   daraus   schließt,   das   hätte   Bora   auch   mächtig Umsatz gekostet. In der Bora-Lesart hat die Offensive des Wettbewerbs auch die Bora-Idee im Markt nur weiter fest verankert.

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Wie auch immer. Wir steuern gerade direkt rein nach Neubeuern, die Trinkflaschen sind leer. Im Garten eines   Einfamilienhauses   steht   ein   Freund   von   Bruckbauer   und   ruft   freundlich   Servus.   „Der   beste   Metzger   in Neubeuern“, sagt Bruckbauer. „Gibt ja nur einen“, sagt Metzger  Rupert  Schneebichler  und grinst. Wir füllen die Trinkflaschen. Schneebichler hat gerade seine Küche renoviert. Natürlich hat er ein neues Bora-Gerät eingebaut – und   führt   es   einem   vor.   Schneebichler   ist   natürlich   Bora-Fan.   Unter   Spezln   kein   Wunder,   in   den   bayerischen Bergen, wo sie gerne ihre Köpfe zusammenstecken,  nochmal weniger. Im Fachhändlerlager  ist das dann schon bemerkenswerter.   Und   das   wundert   dann   auch   so   manchen   Bora-Wettbewerber   immer   wieder.   „Der   hat   keine Fachhandelspartner, der hat Follower, Jünger“, sagt einer. Die letzten Kilometer stehen an. Ist Bora groß genug, um im Küchenmarkt zu bestehen? Bruckbauer sagt, er habe sich die Frage auch gestellt – und vor einiger Zeit mit Nein beantwortet. Dann hat er drei Leitlinien definiert, die er so ziemlich jedem seiner 500 Mitarbeiter persönlich hinter die Ohren geschrieben hat. Man müsse von den großen Tech-Companies lernen. Die Bora-Kernwerte dürften nie vergessen werden, man müsse also mutig, frech und innovativ bleiben. Und Bora müsse immer so beweglich bleiben wie ein Start-up. Wenn man eine neue Idee habe, müsse man auch in ein paar Tagen einen neuen Prototypen bauen können, um zu sehen, ob die Idee funktioniert. So hatte der gelernte Schreiner Bruckbauer das selbst ganz am Anfang ja auch gemacht – und sein Luftkanalsystem zusammengedemmelt und -geschraubt, das unter ein Kochfeld passt und aus dem am Ende ein neuer Markt entstanden ist. Der Markt der Muldenlüfter.

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