Agoform

Kurze Wege

12. Oktober 2021, 12:31
Mit nachhaltigen Lösungen nach Pordenone: Jan Ottensmeyer, Michael Ruprecht

Schnelle Entscheidungen, schnelle Produktentwicklungen: Der Kunststoffexperte Agoform setzt auf Wendigkeit im Weltmarkt – durch gemeinsame Innovationsfindung.

„Warum macht ihr das?“, lautete die überraschte Reaktion der ersten Kunden, erinnert sich Michael Ruprecht. Denen hatte Agoform einen seiner biobasierten Kunststoffe gezeigt. Das Zertifikat dazu war auf der nicht sichtbaren Seite des Teils angebracht, wie zumeist üblich. Inzwischen möchten Hersteller quer durch alle Branchen, dass nachhaltigere Lösungen auch gut als solche sichtbar sind. Und die Löhner bedienen zahlreiche Branchen: Neben der Küchen- und Möbelindustrie ist die Automobilindustrie nur eine davon.

„Bald dürfte der Bedarf an biobasierten Kunststoffen und schonendem Rohstoff- und Energieeinsatz deutlich zunehmen“, schätzt Ruprecht. Seit 28 Jahren ist Ruprecht bei Agoform, seit 2007 führt er die Geschäfte gemeinsam mit Jan Ottensmeyer, der auch Gesellschafter ist. Ende September trifft man sich zum INSIDE-Gespräch im Showroom in Löhne. Gerade ist die Bundestagswahl über die Bühne gegangen und es zeichnet sich ab, dass die Politik in Berlin das Thema Nachhaltigkeit forcierter angehen wird als bislang. Nicht wirklich überraschend für den Mittelständler, der seine Produktpalette ohnehin schon entsprechend angepasst hat. Das Geschäftsführer-Duo in Löhne bereitet sich jetzt auf die Sicam vor, die noch zwei Wochen in der Zukunft liegt. „Für den breiten Markt setzen wir auf antibakterielle Oberflächen und biobasierte Kunststoffe. Wir bringen fertig entwickelte und nachhaltigere Lösungen mit nach Pordenone“, so Ruprecht. Wiederverwendete Materialien sind schon die Regel bei nicht sichtbaren Teilen im Caravan-Bau, wo Agoform gut im Geschäft ist. „Das ist dort eine ganz normale Anforderung; in der Möbelindustrie ist man hier noch am Anfang“, sagt Diplom-Ingenieur Ruprecht.

Impulse aus der Autoindustrie

Da die Automobilindustrie generell mehr nicht sichtbare Kunststoffteile verbaue, kämen von dort schneller neue Impulse als aus dem Möbelbereich, der meist mit zwei bis drei Jahren Verzögerung folge, schätzt er. Deutschlands Küchenmöbelindustrie, nach wie vor die wichtigste Kundengruppe, profitiert dadurch besonders. Als Zulieferer muss Agoform die Lösungen idealerweise schon entwickelt haben, bevor einzelne Industrien sie nachfragen. Gerade neu entwickelt sind ___STEADY_PAYWALL___Außenverkleidungen aus Kunststoff für Elektro-Ladesäulen. Hier prognostiziert Agoform bald eine anziehende Nachfrage. Der 1928 gegründete Mittelständler aus Löhne lebt von Innovation. Wie im Bereich Lebensmittel wollen Ruprecht und Ottensmeyer, dass „bio“ zum neuen Standard wird, den die Endkunden nachfragen. Und für den einfach auch etwas mehr zu zahlen ist. „Da muss sich bei manchem noch eine gewisse Wertschätzung entwickeln“, sagt Ottensmeyer. Der Wirtschaftsingenieur vertritt im Familienbetrieb die dritte Generation. Die Firma wird nach dem Fifty-fifty-Prinzip geführt: Beide Geschäftsführer entscheiden in allen Bereichen, obwohl jeder seine speziellen Steckenpferde hat. Bei Ottensmeyer sind Digitalisierungs- und IT-Themen Spezialgebiete; bei Ruprecht ist es die Extrusion, die Königsdisziplin des Hauses.Agoform Maschinen in ihrem Element Extrusion in Löhne

Die Firmenphilosophie? „Kurze Wege, schnelle Entscheidungen“, seien wichtig, so der 50-jährige Ottensmeyer. Dazu gehöre die hohe Fertigungstiefe. Zudem gibt es nur einen einzigen Standort und „überschaubare Hierarchiestufen“, so Ruprecht: „Mitarbeiter, Abteilungsleiter, Geschäftsführer.“

Das Zweiergespann der Unternehmensleitung sitzt in einem gemeinsamen Büro, auch da sind keine langen Distanzen zu überwinden. Einmal die Woche ist Brainstorming in größerer Runde, mal nur eine Viertelstunde, mal länger. „In einer Besprechung treffen wir auch zumeist direkt eine Entscheidung. Das zieht sich bis in Details wie Programmierungen für unser ERP-System“, sagt Ottensmeyer. Dabei soll Tempo den Abstand zum Wettbewerb groß halten. „Das macht guten Mittelstand ja aus, dass er schnell ist“, ergänzt er. Dazu gehöre, dass man auch mal aus Flops lerne – ebenso wie aus den Erfolgen. „Und eine Frage, die wird in unseren Besprechungen nie gestellt: ‚Gibt es dafür auch ein Budget?‘ Denn wenn uns eine Idee überzeugt, dann sorgen wir für die Mittel.“

Dass man weitestgehend unabhängig von Banken finanzieren kann, gehört in Löhne zu den dauerhaften Erfolgen über Jahrzehnte. Was Entwicklern, den Mitarbeitern aus Produktion und Versand zu neuen Verfahren oder Produkten einfällt, soll möglichst direkt berücksichtigt werden, die Glastür des Chefbüros im Erdgeschoss steht jedem offen. Manchmal übernähmen die beiden deshalb auch mal die Vertretung für den Empfang nebenan, so Ruprecht augenzwinkernd. „Wir sind gerne mittendrin“, bestätigt Ottensmeyer. „Und wir wollten bewusst kein Büro im obersten Stockwerk. Das ist nicht unser Stil.“ Man sei „guter ostwestfälischer Mittelstand“, sagt er. Und meint: nahbar, verlässlich, offen.

Richtige Personalauswahl ist wichtig; das betonen beide. Inzwischen ist schon so mancher Mitarbeiter in zweiter Generation bei dem Mittelständler. Auch die Fluktuation ist gering. Früh versucht Agoform, an den Schulen, bei Berufsmessen und anderen Veranstaltungen die Auszubildenden von morgen zu finden. „Wir haben den Ausbildungsbereich bereits vor ein paar Jahren modernisiert. Die Azubis lernen nun verstärkt in größeren Projekten“, sagt Ruprecht. Wurden früher pro Ausbildungsjahr etwa vier junge Menschen ausgebildet, sind es nun doppelt so viele. Gibt also was zu tun, denn die Firma bildet für den eigenen Bedarf aus. Da, wo es geht, wird körperliche Arbeit weiter reduziert. Beim Gang durch die Produktion ist der ein oder andere Roboter im Einsatz, wo vorher Menschen eintönige Arbeiten verrichteten. „Wir können diese Mitarbeiter nun sinnvoller einsetzen und auch qualifizieren“, sagt Ruprecht. Ein kleines Beispiel zeigt der 55-Jährige bei einer Tour durchs Werk. Neulich durften sich ein paar Azubis Gedanken machen, wie ein Abstapel-Roboter programmiert werden muss. Jetzt arbeitet dieser zuverlässig und ohne Aufsicht.

Gestiegener Anspruch

Vorfahrt ohne Piloten hat auch „August“, Agoforms autonomer Gabelstapler, der seine Runden durch die Hallen fährt und dessen Sensoren anzeigen, wenn er wieder etwas zu transportieren hat. Benannt ist er nach Firmengründer August Ottensmeyer, der im Juli 1928 als Handelsvertreter startete und damit den Grundstein für die Firma legte (siehe Kasten rechts). Für andere Arbeiten werden Menschen wesentlich mehr benötigt: Steuerung, Kontrolle, Ein- und Umrüsten der Maschinen, das bleibt Sache der Mitarbeiter. Da Agoform ein Spezialist ist, werden auch viele Spezialisten an Stellen außerhalb von Entwicklung und Herstellung benötigt. Natürlich hat man eigene Zollexperten im Haus – so waren etwa die durch den Brexit entstehenden Hürden recht einfach zu bewerkstelligen. Hinzu kämen ganz neue Berufsbilder, etwa im Onlinebereich, die gerade erst entstünden und für die man ebenfalls die geeigneten Kandidaten suche. „Der Anspruch an Facharbeiter wird weiter steigen“, sagt Ottensmeyer. Dass mancher Ex-Azubi es bis zum Abteilungsleiter geschafft habe, das sei ein Beispiel für die jungen Bewerber, dass sie in der Firma auch später viele Aufgaben übernehmen könnten. Damit die Belegschaft über die neuesten Entwicklungen oder Neuzugänge gut im Bilde sind, gibt es die Ago News, die mehrmals im Jahr erscheinende Mitarbeiterzeitschrift.Sinnvoller einsetzen und qualifizieren Verfahrenstechniker bei der Arbeit

Neben Neuentwicklungen beim Material und in den Anwendungen gilt der Effizienzsteigerung die Aufmerksamkeit des ganzen Teams. Betrifft auch den Energieverbrauch: Solaranlagen auf den Dächern, Kraftwärmekopplung, 100 Prozent Ökostrom – alles schon eingeführt. In einer der Runden danach ging es dann erneut um Energieaufwand und -einsparungen. Da haben sie dann das hauseigene Druckluftnetz optimiert. Statt zuvor 8 bar herrscht dort nun ein Druck von 6 bar. „Diese Verbesserungsprozesse laufen bei uns kontinuierlich“, so Ruprecht. Schlanke Prozesse sind das eine, Verlässlichkeit für Kunden das andere. „Wir legen großen Wert auf diese Sicherheit“, sagt Ottensmeyer. Redundanz bei den Produktionslinien, drei Carrier und drei Backbones für die Internetverbindungen gehören beispielsweise seit einiger Zeit dazu. Auch die Produktionskapazitäten an der Gewerbestraße wurden in den letzten Jahren erweitert. Belegte Agoform 1970 beim Umzug hierhin noch etwa 2.000 qm Fläche, ist sie inzwischen zehnmal so groß. Beim Blick aus dem Fenster des Chefbüros sind aber noch genügend Freiflächen sichtbar.

Aktuell sind die Auftragsbücher voll, und der Hersteller rechnet damit, im laufenden Jahr erneut über 30 Mio Euro Umsatz zu kommen. Wie viele Branchen und Firmen muss auch Agoform mit gestiegenen Rohstoffpreisen und den durcheinandergeratenen Lieferketten klarkommen. „Wir rechnen damit, dass diese Unsicherheiten noch sechs bis zwölf Monate anhalten“, sagt Ottensmeyer. Allerdings habe man sich in Löhne an die neuen Gegebenheiten anpassen können, ergänzt Ruprecht. „Spitze in der Nische“, das wollen sie in Löhne weiter bleiben, so Ottensmeyer. Er ist überzeugt: „Für den Wert ‚Made in Germany‘ können wir noch sehr lange eintreten.“ Dafür machen sich die beiden Geschäftsführer jetzt wieder an ihre eigentliche Arbeit, die Konkurrenz schläft nicht.

Agoform in Zahlen:

Etwa 50 Prozent des Umsatzes von gut 30 Mio Euro erwirtschaftet Agoform auf dem Heimatmarkt. Die verbleibende Umsatz-Hälfte verteilt sich auf etwa 60 Länder. Wichtige Exportmärkte sind für die Löhner Frankreich, Schweiz, Österreich, Dänemark, Belgien und Großbritannien. Die Hälfte der Umsätze wird mit der Küchen- und Möbelindustrie gemacht. Hier nahm auch alles seinen Anfang: Im Jahr 1928 meldete August Ottensmeyer in Löhne sein Gewerbe als Handelsvertreter an. Vormittags besuchte er die Handelsschule, nachmittags verkaufte er Gardinenstoffe und Beschläge an Kunden aus der Küchenmöbelindustrie. 1956 entwickelte Ottensmeyer als Erster einen thermogeformten Besteckeinsatz aus Kunststoff. Die zweite Generation übernahm 1968: Sohn Jürgen Ottensmeyer trat nach seinem Betriebswirtschaftsstudium in die Geschäftsführung des Unternehmens ein, das seit 1980 den Namen Agoform trägt.

Mitte 2007 übernahm Jan Ottensmeyer nach abgeschlossenen Ausbildungen als Bankkaufmann, Verfahrenstechniker und Dipl.-Wirtschaftsingenieur das Familienunternehmen in der dritten Generation. Seitdem bildet er zusammen mit Michael Ruprecht die Geschäftsführung. In den folgenden zehn Jahren wächst die Firma von etwa 22 Mio Euro Umsatz auf gut 30 Mio Euro Umsatz.

Platz wäre noch An der Gewerbestraße ist Agoform auf 20.000 qm gewachsen

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