Küchenquelle (mit Video)

Digital im Hintergrund

11. März 2021, 19:04

Küchenplanung in der Mixed Reality. Foto: Küchenquelle

Einen „massiven Digitalisierungsprozess“, so sagt das Geschäftsführer Stephan Pattberg, hat in den letzten Jahren das Nürnberger Handelsunternehmen Küchenquelle durchlaufen. Nach außen sichtbar ist die Digitalisierung nur zum Teil und war mit hohen Investitionen verbunden. 2021 will die neue Küchenquelle profitabel werden und hat sich weiteres Wachstum zum Ziel gesetzt. Das Jahr ist schon mal gut gestartet.

Man erinnert sich: 2014 hat das seinerzeit mit viel Marketing gepushte Start-up Kiveda – der erste „richtige“ Küchen-Onlinehändler – das Traditionsunternehmen Küchenquelle übernommen. Es folgte einiges an Hin und Her: Veränderungen an der Spitze, Strukturveränderungen, zwischenzeitlich auch mal ein rechtes Logistikchaos. Kurzum: Immer wieder sorgte Kiveda bzw. Küchenquelle in der Vergangenheit für Branchentratsch. In den letzten Monaten blieb es da vergleichsweise ruhig.

Endverbrauchern dürften die Veränderungen kaum aufgefallen sein. Auch dass der Name Kiveda im vergangenen Herbst endgültig verschwunden ist und die Holding über allem nun den Traditionsnamen Küchenquelle trägt. In Nürnberg konzentriert man sich aktuell wieder voll auf das Traditionsmodell der Beratung beim Kunden zu Hause – flankiert von Videoberatung – und sieht sich in dem Feld als Pionier in der Branche. Der Kiveda-Onlineshop ist Geschichte, die Zahl der stationären Läden auf drei zurückgefahren.

 

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Wolfgang Siegel, Director Marketing & Communication in Nürnberg, sagt: „Unsere Stärke ist die Zuhause-Planung. Gerade in Zeiten der Pandemie zeigt sich, dass dieses Geschäftsmodell sehr gut funktioniert.“ „Online-Shopping ist nicht unser Geschäft“, meint auch Geschäftsführer Stephan Pattberg. „Für individuell geplante Küchen braucht es immer die Zuhause-Beratung bzw. eine Online-Beratung plus Aufmaß.“ Bei der Beratung zu Hause setzt Küchenquelle seit dem letzten Herbst auf die neue HoloLens-Technologie, die nachweislich zu mehr Abschlüssen führt, weil der Kunde die Küche in seinem Zuhause räumlich erleben kann, bevor er den Vertrag unterzeichnet.

Dass die Nürnberger sich auf die Marke Küchenquelle konzentrieren, ist auch das Ergebnis einer im vergangenen Jahr durchgeführten umfangreichen Marktforschung. Die ungestützte Bekanntheit ist hoch. Da kann ein Start-up nicht mithalten.

Man kann heute schon die Frage aufwerfen, ob Küchenquelle 2015 nicht einfach hätte weitermachen sollen. Ob der ganze Prozess nicht eigentlich überflüssig war. Keinesfalls, meint man in Nürnberg, wo die Geschäftsführung seit dem letzten Jahr aus drei neuen Köpfen besteht. Neben Pattberg für den Bereich Operations sind das Christian Neusser (Finance, IT und HR) und Daniel Haberkorn (Marketing und Vertrieb). Küchenquelle habe sich im Zuge der Fusion das Beste aus beiden Welten gesichert – klassische Strukturen und digitale Innovationen. Und für die jeweils anstehenden Aufgaben dann Spezialisten dazugeholt. Man habe mit der Denkweise eines Start-ups alle Prozesse überprüft und verändert, vom Call-Center über Auftragsbearbeitung und Logistik bis hin zur Qualitätskontrolle. Die Nutzung von Mixed Reality bzw. der HoloLens-Technologie ist nur der Teil, den auch der Kunde draußen wahrnimmt.

Natürlich hat sich der Zusammenschluss von Kiveda und Küchenquelle auch auf die Gesellschafterstruktur ausgewirkt. Hauptgesellschafter von Küchenquelle ist EMH Partners, die in die digitale Transformation von Mittelständlern investieren. Daneben sind Holtzbrinck Ventures und Crosslantic beteiligt – Investoren, denen man abnimmt, dass sie die Digitalisierung vorantreiben wollen.

Aus der Kiveda-Group ist auch Küchenquelles Technologiepartner Island Labs aus Berlin entstanden. Island Labs wird heute von dem vormaligen Kiveda-Geschäftsführer Alexander Möller geleitet. Island Labs setzt die auf einer Microsoft-Plattform aufbauenden HoloLens-Technologie auch außerhalb der Küche ein. Künftig wird es möglich sein, die Einrichtung kompletter Häuser im Vorfeld mit Mixed Reality zu planen und zu begutachten.

Christian Neusser, Daniel Haberkorn und Stephan Pattberg. Foto: Küchenquelle

 

Im Unterschied zu VR-Brillen wird bei HoloLens die Realität nicht ausgeblendet, sondern bleibt sichtbar. Die geplante Küche wird in das reale Umfeld eingeblendet. Man kann sich mit der Brille auf der Nase im Raum bewegen und beispielsweise checken, ob die Arbeitsplattenhöhe die richtige ist. Für die Kunden ist die Planung mit HoloLens nicht teurer als ohne. Pattberg: „Wir sind überzeugt von dem, was wir tun, und rechnen damit, dass sich das über zusätzliche Aufträge rechnet.“ Der Aha-Effekt sei am größten in der Altersgruppe zwischen 40 und 55, die zwar digitalaffin, aber nicht digital aufgewachsen sei. In Europa ist Küchenquelle bislang der einzige Anbieter im Markt, der mit der neuen Technologie arbeitet.

Aktuell sind 30 von 120 Außendienstlern mit diesen Mixed-Reality-Brillen ausgestattet, bis zur Jahresmitte sollen es 70 sein. Für die Vermarktung ist das ein Meilenstein: Die Abschlussquote ist laut Pattberg bislang um etwa 10 Prozent höher als ohne HoloLens. Zudem hat sich gezeigt, dass der Durchschnittspreis einer Kommission höher ausfällt.

Insgesamt beschäftigt das Unternehmen rund 250 Leute. Ende Oktober wurde im Nürnberger Hansapark ein neues Headquarter bezogen, um die Mitarbeiter dichter zusammenrücken zu lassen. Noch ist die neue Firmenzentrale – das erste nach dem Passivhausprinzip gebaute Bürogebäude im Nürnberger Raum – fast ungenutzt, die Mehrzahl der Leute arbeitet im Homeoffice. Doch das soll ja nicht immer so bleiben.

Lieferanten sind nach wie vor die BSH, Electrolux, Nobilia und Häcker. Für 2019 hatte Küchenquelle einen Umsatz von 95 Mio Euro (+15 Prozent) gemeldet. 2020 hat das Unternehmen – da hält man sich noch bedeckt – „den Erwartungen entsprechend“ abgeschlossen. Mit Details muss man sich bis zum Bilanzpressegespräch im Sommer gedulden. Dass es zuletzt ziemlich rundlief bei Küchenquelle und auch während des Lockdowns gute Aufträge reinkamen, ist kein Geheimnis. Und wundert auch nicht, schließlich hat sich die Daheim-Beratung aufgrund der Corona-Regeln zum Küchen-Vertriebsweg schlechthin entwickelt in dieser Pandemie.

Januar und Februar wurden zweistellig über Vorjahr abgeschlossen. Mehr verrät Stephan Pattberg nicht. Als reine Krisengewinner wollen sie sich in Nürnberg trotzdem nicht bezeichnen, schließlich hat auch Küchenquelle mit den Lieferzeiten der Geräteindustrie zu kämpfen. Das ist den Endverbrauchern nicht immer gut zu vermitteln. Für 2021 hat man sich den Turnaround vorgenommen. „Die aktuellen Umsatz- und Ertragszahlen stimmen dafür zuversichtlich“, heißt es.

 

 

 

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