Holzwerkstoff-Verband erwartet weitere Kostensteigerungen

Holzwerkstoffe

Dominoeffekt

16. März 2022, 9:49

In Sachen wirtschaftlicher Auswirkungen des Ukraine-Kriegs hat sich am Dienstag auch der Verband der deutschen Holzwerkstoffindustrie zu Wort gemeldet. Bei den in der Kostenspirale gefangenen Abnehmern, die im Zusammenhang mit einer zuletzt etwas entspannteren Versorgungslage auch an der Preisfront auf Entspannung gehofft hatten, werden die Schilderungen von VHI-Chefin Anemon Strohmeyer allerdings kaum zu Freudensprüngen führen.

Strohmeyer: „Der VHI verurteilt den russischen Angriff auf die Ukraine mit aller Schärfe. Dessen Auswirkungen spürt die deutsche Holzwerkstoffindustrie in vielerlei Hinsicht. Bereits massiv betroffen ist sie als energieintensive Industrie von der Kostensteigerung in allen Energieträgern und - wie die chemische Industrie und die Düngemittelindustrie - von der drastischen Preiserhöhung der gasbasierten Produkte (konkret: Harnstoff für Leimsysteme). Ein Ausfall der Energieversorgung oder der Versorgung mit harnstoffbasierten Leimsystemen würde zum Ausfall der Produktion und negativen Auswirkungen auf die Lieferkette führen – also den Bereichen Bau, Möbel und Verpackungen. Zwar reicht der Einkaufsradius der Holzwerkstoffindustrie nicht in relevantem Maße nach Russland oder Belarus. Die Holz-Verfügbarkeit wird aber insgesamt schlechter werden: Ein wesentlicher Effekt ist, dass Länder, von denen Deutschland Holz in stärkerem Ausmaß einkauft, wie zum Beispiel Polen, weniger oder gar kein Holz aus Russland und der Ukraine bekommen. Dies führt zu Mengenverschiebungen, von denen dann auch die deutsche Holzindustrie betroffen ist, da weniger Holz und Vorprodukte aus diesen Ländern nach Deutschland exportiert werden. Die Auswirkungen des Krieges bezüglich der Holzversorgung werden Deutschland also eher über die Anrainerstaaten als eine Art Dominoeffekt erreichen. Da laut den Zertifizierern PEFC und FSC sämtliches Holz aus Russland und Belarus mittlerweile als so genanntes Konfliktholz gilt, wird der bereits extrem angespannte Markt für zertifizierte Produkte weiter verknappt. Dies verschärft eine bereits bestehende Wettbewerbssituation um zertifizierte Hölzer. Neben der Sorge um die verlässliche und bezahlbare Energieversorgung gilt die vordringlichste Sorge der Gasabhängigkeit in Bezug auf Leime, die für die Herstellung von Holzwerkstoffen benötigt werden: Sie sind harnstoffbasiert, werden also industriell aus Gas hergestellt und sind nicht substituierbar. Betroffen sind im Schwerpunkt Spanplatten- und Faserplattenhersteller als Zulieferer für die Bau-, Möbel- und Verpackungsindustrie. Allgemein ist die Situation angespannt.“

In diesem Zusammenhang fordert der VHI: „Die Direktimporte von Harnstoff müssen erhöht werden. Die Strom- und Gasversorgung der Holzwerkstoffindustrie darf nicht gekürzt werden. Bei der Entwicklung einer Abschalt-/Kürzungsreihenfolge muss die Relevanz der Holzwerkstoffindustrie für die nachgelagerten Wertschöpfungsketten Bauen, Möbel, Verpackungen beachtet werden. Eine finanzielle Unterstützung der energieintensiven Industrie und der Endverbraucher:innen ist notwendig. Die Unterstützung der Endverbraucher:innen könnte etwa in Form einer „Klimaschutzprämie“ erfolgen, um die Kaufentscheidung auch in Krisenzeiten zugunsten nachhaltiger Produkte zu lenken und nachhaltiges Bauen und Wohnen bezahlbar zu halten. Und auch wenn die Energieversorgung das alles beherrschende Thema ist, dessen Lösung alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche herausfordert: Angesichts der Verknappung des Rohstoffs Holz wäre ein Ausbau der Holzverbrennung sowie Stilllegungen von heute genutzten Waldflächen kontraproduktiv. Hier gilt es, mit der im Koalitionsvertrag angekündigten Biomassestrategie, der Verankerung der Kaskadennutzung und der Etablierung der Kreislaufwirtschaft die maßgeblichen Stellschrauben nachzuziehen.“

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