Küchenbranche in Ostwestfalen

Küchenherbst

Zwischenfazit

22. September 2022, 12:15
Prof. Dr. Peter Bofinger

Wer nach den Insolvenzanmeldungen von Sedia und Rational kurz vor Messestart mit einem mulmigen Gefühl in den Messeherbst gestartet war, hatte das schnell vergessen. Die schlechte Konsumstimmung im Land ließen die Besucher größtenteils vor den Türen der Messezentren und die Industrie sparte die aktuellen Auftragsdellen im Messegespräch auch lieber aus.

Thema waren überall natürlich die erneuten Preiserhöhungen der Industrie, die von 18 Prozent bei Nobilia (dafür entfällt der Teuerungszuschlag) bis zu vorerst keinem weiteren Aufschlag bei Ballerina reichen (hier wurden die 6 Prozent TZ aber eingepreist, so dass sehr wohl eine Preiserhöhung um 6 Prozent zum Tragen kommt). Auch der enorme Energiekostenanstieg sorgt für Gesprächsstoff. 2 bis 5 Mio Euro Stromkosten pro Jahr müssen selbst mittelgroße Hersteller einkalkulieren. Horrorgeschichten wie die von 80 Mio Euro höheren Energiekosten, die ein Keramikhersteller zahlen muss, machten die Runde.

Am MHK-Branchenabend ordnete der ehemalige Wirtschaftsweise Prof. Dr. Peter Bofinger die gesamtwirtschaftliche Lage ein. Was wenig euphorisch stimmte. Die erstmals an neuer Location im Marta Herford versammelten Gäste aus der Branche lernten, dass Deutschland wegen seiner Ausrichtung auf Export, Automobilindustrie und der Abhängigkeit von russischem Gas die schlechtesten Wachstumsaussichten habe. Soll man in einer solchen Situation den Pfad der Vorsicht oder den Pfad der Entschlossenheit einschlagen? Letzteres. Dem stimmte auch MHK-Chef Werner Heilos zu, der auch im Sinne des verstorbenen Verbandsgründers Hans Strothoff sagte, Unternehmer und Führungskräfte müssten Entscheidungen treffen. Auch in Zeiten großer Ungewissheit. Heilos: „Über den eigenen Schatten springen ist eine gesunde Turnübung.“

Zurück zu den positiven Themen, die auf den Küchenmessen zumindest stimmungsmäßig überwogen in den letzten Tagen: Der Besuch in den Küchenmessezentren reicht nach dem Wegfall der Corona-Beschränkungen fast ans 2019er Niveau heran. Beim einen sind es weniger, beim anderen mehr, auch wenn einige internationale Besuchergruppen aus Fernost und Russland erneut fernblieben und Streiks in Frankreich westeuropäischen Besuchern die Anreise erschwerten oder unmöglich machten. Rational-Händler, die bereits angereist waren, als die schlechte Nachricht kam, schauten sich nach Alternativen um. Davon profitierte beispielsweise Pronorm.

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Den einen echten Messetrend, die Neuerfindung der Küche, suchte man wieder vergeblich. Weniger ist mehr. Selbst bei Nobilia, wo ein Messerundgang auch mal gut vier Stunden dauern kann und einem nach der Neuheiten-Tour Ohren und Augen gleichzeitig klingeln, wurde eingangs darauf hingewiesen: Es läuft nichts aus zum nächsten Jahr. Es gibt also keinen Zwang, Veränderungen in der Ausstellung vorzunehmen. Stattdessen wurden in Verl Platzierungsempfehlungen gegeben – abgestimmt auf die für 2023 geplanten Marketingkampagnen. Damit der beworbene Sally-Backofen, nach dem die Kundschaft fragt, denn möglichst auch in der Ausstellung zu finden ist.

Apropos Geräte: Auf die schlechte Verfügbarkeit der letzten beiden Jahre reagieren Küchenhersteller und Handelsgruppierungen gleichermaßen mit einer Ausweitung des Angebots. Asiatische und türkische Hersteller beispielsweise sind nun breiter vertreten.

Bei den Holz-Lieferanten nahezu überall zu sehen ist ein dunkles Grün und das totale Schwarz, vom Korpus bis zur Arbeitsplatte. „Der Schwarz-Trend hat den Peak noch nicht erreicht“, hörte man bei Ballerina beispielsweise, wo der schwarze Korpus mittlerweile der am meisten verkaufte ist. Auch Rillenfronten stehen hoch im Kurs, Eggers Perfect Sense und andere Anti-Fingerprint-Oberflächen.  Maße wurden ergänzt, bei Dekoren und Farben noch mehr Durchgängigkeit durchs Sortiment geschaffen. Überall begegneten einem Durchgangs- und Schiebetüren, beispielsweise als Abtrennung des Hauswirtschaftsraums. Noch mehr Wohnen, klar. Und zunehmend löst sich die Küche auch auf. Solo-Elemente oder kleine Inseln werden häufiger.

Über allem standen die Themen Service und Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit wird auch in der Kommunikation immer stärker gespielt, wenn sie nicht sogar wie beispielsweise bei Nolte direkt zum Messemotto gemacht wurde. Überhaupt konnte man nicht den Eindruck gewinnen, dass bei Kommunikation und Marketing Sparen angesagt ist. Gerade in Krisenzeiten muss man Gas geben, so die mehrheitliche Meinung. Kann sich natürlich noch ändern, wenn richtig Sparbedarf entstehen sollte.

Auf den erhöhten Sparbedarf der Endkunden jedenfalls, der demnächst krass steigen dürfte, haben einige Hausgerätehersteller schon reagiert. Samsung jedenfalls zeigte Geräte, bei denen der Verbraucher recht transparent ablesen kann, was er zahlt, inklusive Limit-Schranke. Andere Gerätehersteller wie etwa die AEG stellen sich schonmal auf großvolumige, überbreite Einbaukühlschränke ein, die in Ländern wie Frankreich längst im Markt sind, hierzulande aber wohl erst nach einigen Anlaufschwierigkeiten kommen werden. Und dann gibt es den fast allgegenwärtigen Trend, den Einbau der Geräte maximal zu vereinfachen. Montagekräfte werden bekanntlich rar, da hilft es, wenn der Kühlschrank, das Kochfeld oder der Geschirrspüler mit wenigen Handgriffen zeitsparend und „idiotensicher“ installiert werden können. Was die Liefersituation angeht, bleibt die Anspannung im Markt hoch, wenn auch die großen Player über eine leicht verbesserte Lage berichten, die aber möglicherweise auch mit einem Rückgang der Aufträge zusammenhängt. Allen gemeinsam ist der bange Blick auf 2023. Die gemütlichen Zeiten, wenn es je welche gab in der Küchenbranche, sind definitiv vorbei.

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