Wir brauchen die Kehrtwende!

Nachhaltige Materialien

Kehrtwende!

02. November 2022, 11:16

Hitze, Dürre, Mikroplastik in unserer Nahrung. Auch der letzte Leugner müsste bald verstanden haben, dass die Menschheit und wir alle in kürzester Zeit einen Riesenmist gebaut haben. Wir haben es geschafft, in kaum mehr als 100 Jahren den Planeten zuzumüllen und das Klima zu verändern. Mit einer Wirtschaft, die darauf aus ist, stetig Verkaufsmengen zu steigern. Produziert mit kurzer Lebensdauer, gemacht für die Entsorgung. Und jetzt merken wir: Das Modell ist falsch. Es funktioniert so nicht. Die Menschheit schafft sich ab. Wir brauchen eine Kehrtwende. Je größer das produzierende Unternehmen, desto notwendiger diese Erkenntnis.

Von Katrin de Louw

Viele Menschen verbinden Nachhaltigkeit ausschließlich mit Ökologie. Dabei wird Nachhaltigkeit in drei Säulen gedacht: sozial, ökologisch und ökonomisch. Nachhaltige Materialien werden auf sozialer Ebene gerecht und mit fairen Löhnen und ethischem Anspruch produziert. Und auch die ökonomisch nachhaltige Produktion ist wichtig: Sichere Arbeitsplätze, Transparenz und nachhaltiges Wirtschaften, auch Regionalität mit lokaler Wertschöpfung gehören dazu.

Ökologisches Material und dessen Produktion

Betrachten wir jetzt einmal intensiver den Anspruch an Ökologie bei der Materialwahl. Das Problem der Erderwärmung verursacht vom CO2-Ausstoß durch menschliches Fehlverhalten ist neben dem Plastik in der Umwelt eines der Hauptprobleme der Umweltzerstörung. Obwohl die Möbelwelt an diesem Desaster einen vergleichsweise geringen Anteil hat, so ist es trotzdem Aufgabe der Branche, an einer klimafreundlichen Einrichtung zu arbeiten. Mehr noch: Die Konsumenten, insbesondere die nachkommenden Generationen, werden ihr Konsumverhalten ändern und Anschaffungen, insbesondere Neuanschaffungen, gründlicher überdenken. So zeichnet sich das Bild heute ab, wenn man mit der Generation Y spricht. Was bedeutet das jetzt für unsere Branche und für die Zukunft von Materialien für Möbel? Kann man das Thema, weil nun Krieg herrscht in Europa, auf später verschieben?

Ganz sicher nicht. Zunächst müssen wir endlich verstehen, dass wir Materialien ganzheitlich betrachten müssen – es geht um den ganzen Kreislauf, um Rohstoffgewinnung, Produktion, Energiegewinnung für die Produktion, Wasseraufbereitung, Verpackung, Lagerung, Logistik, Lebensdauer, Recyclingfähigkeit. Es nutzt kein vermeintliches Ökomaterial etwas, wenn die Herstellung des Materials einen großen CO2-Fußabdruck hat. Die Herkunft auch der Komponenten muss transparent werden und Lieferanten in die umweltpolitische Verantwortung genommen werden. Idealerweise müssen sie in eine klimaneutrale Produktion eingebunden sein.

Mit Greenwashing kommt man in Zukunft nicht mehr weit, Details werden stärker hinterfragt. Es ist nicht richtig, ein mikroplastikfreies Produkt auch als ein solches zu verkaufen, wenn bei der Herstellung dieses Produktes Mikroplastik anfällt und das dann fast unbemerkt in die Umwelt abgegeben wird, etwa über Abwässer. Sie merken schon, das Thema ist sehr komplex und die Diskussion kann in unendlich vielen Details und Ebenen stattfinden. Die gute Nachricht ist, dass die Tools zur Bewertung von Produktionen und Materialien hinsichtlich ihrer Ökologie ständig wachsen und auch besser werden. Allerdings scheint es im Moment auch so zu sein, dass die Menge der Angebote zur ökologischen Bewertung von Materialien auch die Orientierung schwieriger machen. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich hier Verfahren durchsetzen.

Hightech-Thema

Um die Ausbeutung der Natur, auch der Menschen und unseres Lebensraumes nicht durch den Abbau fossiler und schließlich endlicher Rohstoffe weiter zu verschlimmern, sind zukunftsgerichtete Materialien im Wesentlichen aus nachwachsenden Rohstoffen aus verantwortungsvoller, sprich nachhaltiger Züchtung, Produktion oder Bewirtschaftung notwendig. Egal ob Holz, Bambus, Gräser und Pilze: Die Basis unserer neuen und zukunftsfähigen Materialien sind natürlichen und nachwachsenden Ursprungs. Dabei wird uns auch modernste Technologie helfen, traditionelle Rohstoffe neu zu erfinden, zum Beispiel durch 3D-Druck. Das Material der Zukunft ist langlebig. Das Produkt der Zukunft hat eine lange Lebensdauer. Nichts ist so ökologisch, wie das nicht produzierte Produkt. Produkte der Zukunft werden nach Gebrauch aufbereitet und erneut verkauft oder verschenkt. Diese Aufbereitung erfordert seitens des Materials auch die Möglichkeit dazu. Das erneute Verkaufen oder auch Verschenken bietet eine Möglichkeit, ehemals teure Produkte günstiger anzubieten. Es bietet auch dem Investor oder Bauherren die Möglichkeit, einen kleinen Anteil zurückzubekommen.

Erst danach, wenn das Produkt nicht mehr aufbereitet werden kann und auch keine Idee zum Upcycling besteht, sollte zukünftig das Thema des Recyclings kommen. Hier gilt es, den Werkstoff als Wertstoff zu erkennen und diesen sortenrein in den Materialkreislauf zurückzuführen. Sortenrein. Kleinhacken und als Rohstoffmix neu zusammenzukleben verschlechtert nicht nur stetig die Qualität, sondern ist auch keine Lösung für den Umweltschutz, da Kunststoffe immer kleiner werden und final nur die thermische Verwertung möglich ist.

Der Materialrealität ins Auge sehen

Um ein Problem zu lösen, muss ich es kennen und möglichst vollständig in seiner Ursache und Wirkung versuchen zu erfassen. Aktuell verarbeitet die Einrichtungsindustrie viele Verbundmaterialien und auch Kunststoffoberflächen. Es kommt vor, dass diese Oberflächen an der einen oder anderen namhaften Hochschule mit angehenden Innenarchitekten und Möbeldesignern nicht besprochen werden, also nicht Teil des Lehrplans sind. Heißt: Sie tauchen quasi nicht auf in der Ausbildung. Heraus kommen dann aus den Hochschulen talentierte und hochmotivierte Planerinnen und Kreative, die in der Möbelindustrie auf dem harten Boden der Tatsachen landen. Hier treffen Weltverbesserer (und das ist positiv gemeint) auf die Gesetze des Marktes, und die Kommunikation zwischen junger Generation und Unternehmensspitze scheitert dann nicht selten auch mal sehr schnell. Die notwendige Materialrevolution braucht aber Knowhow und gerade die Diskussion mit jungen Leuten. Und da wir auch schnell etwas bewegen müssen, braucht es auch in der Ausbildung Marktnähe beim Thema Materialien, denn die Verhandlungsposition der Berufsanfänger und damit der jüngeren Generation wird durch das Wissen stärker.

Egal ob Handy, Medizin, Luftfahrt: Kunststoffe sind uns in vielen Bereichen wichtig und bleiben über Jahrzehnte kaum ersetzbar. Sie sind nicht selten Voraussetzung unseres heutigen Lebensstandards. Im Interior sind uns Kunststoffe besonders während der Pandemie wertvoll erschienen: gut zu desinfizieren oder als durchsichtige Trennwand schützend und sogar lebensrettend. Sie können heute im Internet noch immer Tische aus den 50ern kaufen mit der berühmten Schichtstoffoberfläche. Wenn das nicht nachhaltig ist.

Kreislaufwirtschaft ist der Schlüssel

Natürlich gilt es auch darum, möglichst Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu fertigen und möglichst auf fossile, ja auch gesundheitsschädliche Stoffe in der Einrichtung zu verzichten. Eine der großen Aufgaben unserer Zeit ist es, die Biokunststoffe leistungsstark in den verschiedenen Anwendungen hinzubekommen. Und zwar so, dass eine Verarbeitung in der Möbelindustrie und ein Preisgefüge am Markt – wenn auch mit Hürden – umgesetzt wird.

Aber bis dahin (und vermutlich auch darüber hinaus) ist die Kreislaufwirtschaft die einzige Alternative mit Kunststoffen – ebenso wie mit allen Wertstoffen, wie Metallen, Glas und Textilien – umzugehen. Aktuell werden recycelte PET-Oberflächen auf Holzträgerwerkstoffen im Handel als Möbelfronten angeboten, bei denen man theoretisch die Materialien sogar wieder voneinander trennen kann. Ein guter Ansatz. Ich kenne nur leider bis heute kaum jemanden, der sich darum kümmert, dass die Kunststofffronten wieder nach Gebrauch in ihre Einzelkomponenten zerlegt werden.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Kreislaufwirtschaft gesetzlich vorgeschrieben wird. Und dann müssen Händlerinnen und Hersteller Service neu denken und Materialkreisläufe möglich machen. Sortenreine Materialkreisläufe! Und wann bringen Menschen Produkte konsequent in einen Rohstoffkreislauf? Richtig. Wenn das Material teuer genug ist. Die Materialien der Zukunft sind teurer.

Materialien der Zukunft

Egal ob Arbeitsplatten aus Bauschutt oder kunstvolle Fliesen aus recyceltem Glas: Es gibt bereits interessante Ansätze neuer Materialien. Materialien aus Pilzkulturen ersetzen im Hochbau, aber auch in der Automobilindustrie bereits Dämmungen und Füllungen. Das Material kann ähnlich wie geschäumter Kunststoff – zum Beispiel für Verpackungen und auch im Leichtbau – eingesetzt werden. Es ist aber im Gegensatz zu dem herkömmlichen Material zu hundertprozentig biologisch und auch auf diesem Weg abbaubar. Es entstehen also weltweit Alternativen, die es zu prüfen gilt. Das Massengeschäft hat im Moment nicht die Flexibilität in der Materialwahl. Um zukünftige Materialwege für das eigene Unternehmen zu finden, braucht es Experimente und Versuche in der Nische. Hier sitzt die Chance zur Materialrevolution und zur Einzigartigkeit.

Aber wir haben auch bereits gute Materialien. Denken Sie zum Beispiel an Holz. Ein zukunftsträchtiges Material, mit dessen Ressourcen wir natürlich auch schonend umgehen müssen und welches wir aus verantwortungsvoller Bewirtschaftung ernten müssen. Was für ein im Grunde zukunftsweisender Hochleistungswerkstoff, dessen Anbau und Verarbeitung unserem Klima zugutekommt. Holzmöbel binden CO2, das hier erst bei Verrottung oder Verbrennung wieder freigesetzt wird. Wenn Materialien teurer werden (und aktuell auch die Lieferketten gestört sind), ist eine der möglichen Reaktionen in der Gestaltung zukunftsgerechter Einrichtung die Reduktion. Reduzierung von Funktionen, von Materialien und Materialvielfalt am Möbel. Weniger ist mehr. Zumal viele Verbraucher auch durch die Inflation alle Anschaffungen genauestens überprüfen müssen. „Was braucht mein Möbel also wirklich?“ ist eine der wesentlichen Designfragen der Zeit.

Vom Gas gehen

Die ganze Branche sollte, das würde ich mir wünschen, vom Gas gehen: auf der Autobahn und hinsichtlich ihrer Entwicklung von Neuheiten. Ich weiß, dass oft behauptet wird, der Handel fordere jährlich Neues. Aber ich denke, es geht auch anders. Gutes Design und neue Ideen sind das, was der Endkunde will. Das bedeutet nicht, dass die Möbelserie, die gezeigt wird, neu sein muss. Stattdessen sollten wir uns um zeitloses Design Gedanken machen. Um neue Klassiker. Um „sustained colors“ anstelle der lieben „Farben des Jahres“. Konzepte erschaffen, die schön bleiben.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen in ein Möbelhaus und sehen einen Schrank, den Sie vor fünf Jahren an gleicher Stelle gekauft haben. Nur in einer neuen, frischen Kojen- und Farbkombination mit modernen Accessoires wie Leuchten, Textilien. Was denken Sie dann? Die meisten Menschen würden sich wohl freuen, wenn sie sehen, dass sie damals das richtige Produkt gekauft haben, und fänden eine Umgestaltung der eigenen Einrichtung spannend. Der Kunde kam ins Möbelhaus, um etwas ganz anderes zu kaufen, sieht seinen eigenen Schrank und nimmt zusätzlich für diesen neue Accessoires mit.

Vielleicht würde der Kunde dann sogar regelmäßiger wiederkommen, um zu schauen, ob es noch mehr Ideen zu seiner Einrichtung gibt. Der Handel bliebe Ansprechpartner, auch zu diesem Produkt. Und mehr noch: Der Endkunde, der neue Einrichtungsideen für sein „altes“ Möbel findet, denkt nicht nur, dass er Qualität gekauft hat. Er ist sich auch sicher, dass er bei dem richtigen Händler ist. Bei seinem Händler.

Es gibt sie ja zum Glück auch in unserer Branche und sie werden stetig mehr: Die Vordenker und Managerinnen, die sagen: Ich muss nachhaltiger werden und damit den Wert unserer Marke steigern. Unternehmen wie Apple bezahlen ihre Manager zukünftig auch nach Nachhaltigkeitsaspekten, habe ich gelesen. Es gibt zunehmend mehr Möbelmacher, die längst wissen, dass wir uns mitten in der Materialrevolution befinden. Die Produktion, Verwendung und Wiederverwertung von Material ist ein zunehmend wichtiger Baustein der Unternehmensführung. Er braucht aktive Gestaltung. Von uns allen.

Katrin de Louw ist studierte Innenarchitektin und seit 1997 für Unternehmen aus der Interior- und Materialbranche tätig im Bereich Trendresearch, Produktentwicklung und Design. Sie gründete 2007 das Furniture Future Forum (ehemals Servicepoint A30) im Zentrum der deutschen Möbelindustrie als Trend- und Eventforum: in Bünde. Ebenfalls seit dem Jahr verantwortet de Louw die Material- und Oberflächensonderschau der Interzum in Köln. 2020 rief sie zudem das Colornetwork ins Leben, das sich seitdem stetig weiterentwickelt (INSIDE 1142).

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